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© Stadtkirchengemiende
Im Chorraum der Stadtkirche hängt ein kleines Kreuz aus drei mittelalterlichen Zimmermannsnägeln. Es ist kein Kunstwerk und kein Schmuck. Es ist eine Verpflichtung — und die Verbindung zu einer Kirche in England, die dasselbe erlebt hat wie diese hier.
Coventry, 14. November 1940
In dieser Nacht flog die deutsche Luftwaffe unter dem Decknamen „Unternehmen Mondscheinsonate" einen schweren Angriff auf die mittelenglische Stadt Coventry. Die Kathedrale aus dem 14. Jahrhundert brannte aus; am Morgen standen nur noch die Außenmauern.
In der Ruine fand der Steinmetz Jock Forbes zwei verkohlte Dachbalken, die im Sturz ein Kreuz gebildet hatten. Er band sie zusammen und stellte sie auf. Aus den Zimmermannsnägeln des zerstörten Dachs entstand ein zweites, kleines Kreuz — das erste Nagelkreuz.
„Vater, vergib"
Noch am Tag nach dem Brand stand für Dompropst Richard Howard fest, dass die Kathedrale wieder aufgebaut wird. Und er ließ mit einem Stück verkohltem Holz zwei Worte auf die Wand hinter dem Ruinenaltar schreiben: Vater, vergib.
Nicht „Vater, vergib ihnen". Howard brach das Wort Jesu (Lukas 23,34) bewusst ab. Nicht nur der Feind steht unter dieser Bitte, sondern alle — „denn sie haben allesamt gesündigt und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten" (Römer 3,23). Aus dieser Haltung entstand 1959 das Versöhnungsgebet von Coventry. Es wird bis heute jeden Freitag in der Ruine gebetet — und an hunderten Orten weltweit.
→ Das Versöhnungsgebet von Coventry (PDF)
Von Coventry nach Darmstadt
Vier Jahre nach Coventry brannte Darmstadt. In der Brandnacht vom 11. September 1944 wurde auch die Stadtkirche fast vollständig zerstört; nur der Chorraum blieb stehen — derselbe Raum, in dem heute das Nagelkreuz hängt.
Am Bußtag 1976 übergab die Kathedrale von Coventry der Stadtkirche ein Nagelkreuz. Seither gehört sie zur weltweiten Nagelkreuzgemeinschaft, einem ökumenischen Netzwerk von Gemeinden, Gedenkstätten und Einrichtungen, die sich der Versöhnungsarbeit verpflichtet haben: mit der Wunde der Vergangenheit umgehen, Verschiedenheit aushalten und feiern, an einer Kultur des Friedens bauen.
Wie wir das leben
Das Versöhnungsgebet hat seinen festen Ort in den musikalischen Gottesdiensten der Stadtkirche, besonders in den Choral Evensongs. Und es gehört zum städtischen Gedenken an die Brandnacht am 11. September, wenn Darmstadt an seine eigene Zerstörung erinnert.
Auch die Kirchenmusik und die Kulturarbeit greifen das Thema immer wieder auf — Versöhnung ist hier kein Programmpunkt, sondern eine Perspektive auf das, was wir tun.
50 Jahre Nagelkreuzzentrum
Im November 2026 feiert die Stadtkirche 50 Jahre Zugehörigkeit zur Nagelkreuzgemeinschaft. Zum Jubiläum kommt die Regionalkonferenz Südwest der deutschen Nagelkreuzgemeinschaft nach Darmstadt.
→ Zu den Terminen im November
→ Nagelkreuzgemeinschaft in Deutschland e. V.