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Kinder spielen selbständig "Mensch ärgere dich nicht"
Wer bei uns in der Kita Paulusgemeinde vorbeischaut, sieht oft ein buntes Gewusel: Da wird in einem Raum ein Turm bis zur Decke gebaut, in einem anderen Raum wird „Familie“ gespielt, und am Maltisch entstehen die kreativsten Kunstwerke. In diesen Momenten leistet das Kind eine wichtige Arbeit: Das Freispiel.
Was steckt dahinter?
Freispiel bedeutet, dass das Kind selbst bestimmt: Was spiele ich, mit wem, wie lange und wo? Das Kind lernt, Entscheidungen zu treffen und für diese dann auch die Verantwortung zu tragen. Es erlebt sich als selbstwirksam und kompetent. Es gibt keinen vorgegebenen Plan von uns Erwachsenen. Das klingt nach totaler Freiheit, ist aber ein komplexes Lernprogramm.
Kreativität und Köpfchen
Im freien Spiel verwandelt sich die Welt unserer Kinder in einen Ort voller Möglichkeiten. Da braucht es kein teures Spielzeug: Ein einfacher Pappkarton wird mit ein wenig Fantasie zum rasenden Feuerwehrauto und eine über zwei Stühle geworfene Decke verwandelt sich augenblicklich in eine geheimnisvolle Höhle.
In diesen Momenten werden die Kinder zu kleinen Architekten und Wissenschaftlern. Sie nutzen ihre Kreativität, um ganz praktische Probleme des Alltags zu lösen. Hierdurch entwickeln sich spannende Fragen, die den Forschergeist wecken:
• „Wie müssen wir die Wäscheklammern setzen, damit das Dach unserer Deckenhöhle nicht immer wieder herunterrutscht?“
• „Wie viele Bausteine können wir noch stapeln, bevor der Turm wackelt und schließlich umfällt?“
• „Was passiert eigentlich im Malkasten, wenn ich das helle Gelb mit dem dunklen Blau vermische?“
Hinter all diesen spielerischen Momenten steckt echtes gelebtes Forschen. Die Kinder probieren aus, scheitern, passen ihren Plan erneut an und freuen sich schließlich über ihren Erfolg.
Es ist genau dieser Prozess des Entdeckens, der ihnen hilft, sich die Welt um sie herum Stück für Stück zu erschließen.
Soziales Training
Besonders spannend wird es, wenn verschiedene Wünsche und Interessen aufeinandertreffen. Wer darf die begehrte rote Schaufel haben? Wer bestimmt eigentlich, wer in der Spiel-Familie die „Mama“, das „Baby“ oder der „Hund“ ist?
Was für uns Erwachsene wie eine Kleinigkeit aussieht, ist für die Kinder echte Diplomatie. Hier lernen sie, ihre eigenen Wünsche zu formulieren, dem anderen zuzuhören, Kompromisse zu finden oder Allianzen zu bilden.
Es geht aber auch darum, mit Frust umzugehen, wenn es mal nicht nach den eigenen Erwartungen läuft. Wichtige soziale Kompetenzen wie Empathie, soziale Intelligenz, Teamgeist und Durchsetzungsvermögen kann man nicht aus Büchern lernen. Man muss sie im echten Miteinander, oft eben beim Freispiel, erfahren.
Gefühle verarbeiten und Mut gewinnen
Kinder verarbeiten im Spiel unter anderem ihren Alltag. Sie schlüpfen in unterschiedliche Rollen und probieren aus, wie es ist, mal „groß und stark“ oder mal „klein und verletzlich“ zu sein. So balancieren sie beispielsweise eigenständig auf einem Baumstamm und gewinnen dadurch Schritt für Schritt Selbstvertrauen. Dieses Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten ist der wichtigste Baustein für ein positives Selbstkonzept und ein gesundes Selbstbewusstsein. Kinder merken: „Aha, wenn ich das auf diese Weise mache, dann kann ich das!“
Präsent im Hintergrund: Unsere Rolle als Fachkräfte
Mit feinen Antennen im Kita-Alltag:
Wir sind die stillen Beobachter am Rand, aber unsere Antennen sind immer auf Empfang. Wir achten auf die kleinen, feinen Zwischentöne im bunten Trubel: Welches Kind braucht vielleicht gerade eine kleine Brücke, um ins Spiel zu finden, oder um in Kontakt zu kommen? Wo braut sich ein Konflikt zusammen, bei dem wir Kinder begleiten können, eigene Strategien und Lösungen zu finden, um ihre Streitigkeiten zu entkoppeln. So lernen sie nach und nach, wie sie sich selbst helfen können.
Unsichtbar, aber wachsam:
Manchmal nehmen wir uns ganz bewusst zurück und machen uns nahezu unsichtbar. Doch wir sehen hin: Wer knüpft gerade neue Freundschaften? Wer braucht einen Moment der Ruhe? Und wer macht vielleicht gerade einen riesigen Entwicklungssprung, weil der höchste Turm beim Bauen endlich mal nicht umfällt?
Diese vielen kleinen Puzzleteile sammeln wir jeden Tag. So verstehen wir, was jedes einzelne Kind gerade braucht, und können den Eltern später wohlmöglich wertvolle Erkenntnisse mitteilen.
Der sichere Hafen:
Wenn mittendrin ein aufgeregtes „Weißt du waaaas?“ gefragt wird, oder ein Kind einfach mal eine Schulter zum Anlehnen braucht, dann nehmen wir uns die Zeit. Aus solchen Momenten entstehen meist die spannendsten und philosophischsten Reisen. Wenn plötzlich die große Frage aufkommt: „Wo wohnt eigentlich Gott?“, dann packen wir keine fertigen Antworten aus. Wir gehen auf Augenhöhe und fragen neugierig zurück: „Was glaubst du denn? Wie sieht es da wohl aus?“ Genau das beflügelt die Fantasie, regt zum Nachdenken an und zeigt den Kindern: Eure Gedanken sind wichtig! Und natürlich ist es großartig mit den Kindern zusammen eigene Theorien über die Welt aufzustellen.
Wenn sie also das nächste Mal ein Kind bei uns völlig versunken im Sandkasten graben sehen, wissen sie: Hier wird für das echte Leben geübt. Denn dieses „nur Spielen“ ist für Kinder die wichtigste Arbeit der Welt.
Herzliche Grüße aus der Kita.
Autor: Mario Trietsch